Ungewöhnlich politisch war die Elferratssitzung des BTC Garitz in diesem Jahr. Besonders Stadtrat Andy Kaiser brauchte ein dickes Fell an diesem Abend. Krönender Abschluss : "Göritzer Dreggsagg" Michl Müllers Auftritt als "Schnapsbrönner" .

Es gab ja schon Jahre, da konnte man wirklich bis zu dem Augenblick, in dem sich der rote Vorhang in der Garitzer Turnhalle öffnete, darüber grübeln, welches Thema die Strategen des BTC für ihre Elferratssitzungen auswählen würden - wenn nicht die Speisekarten auf den Tischen im Saal schon zumindest kleine Anhaltspunkte geliefert hatten, In diesem Jahr war es ganz anders: Da konnte man sich in seinen Prophezeiungen und Vermutungen nur schwer entscheiden. Sitzungspräsident Christian Rüth hatte bei seiner Begrüßung schon recht: "Heuer lagen die Themen auf der Straße!" Man musste sich wirklich nur bücken und sie aufheben: etwa der unsägliche Streit zwischen dem letztes Jahr noch amtierenden Geschäftsführer der Heiligenfeld Kliniken GmbH, Joachim Galuska, und Oberbürgermeister Kay Blankenburg - beziehungsweise dem Stadtrat. Oder der überraschende Rückzug des OB im November, nachdem er bereits verkündet hatte, dass er noch eine weitere Amtszeit anstreben wolle. Oder überhaupt der bereits auf Hochtouren laufende Wahlkampf für den neuen Stadtrat und Kreistag, der am 15. März entscheiden wird. Christian Rüth: "Wenn Sie jemand freundlich angrinst, den Sie überhaupt nicht kennen, dann ist das einer, der in den Stadtrat will." Das Schöne an diesem Themengemenge: Es ließ sich alles wunderbar miteinander verknüpfen. Und so kam es, dass die Sitzung nicht nur bunt und abwechslungsreich wurde, sondern auch ungewöhnlich politisch.

Obwohl Axel Dürheimer und seine "Buntstifte" die Erwartungen eigentlich in eine andere Richtung gelenkt hatten: Der erste Blick auf die Bühne fiel auf einen Ort der Harmonie, auf ein wuchtiges Gebäude am friedlichen Waldrand;: die Schwarzwaldklinik. Aber wäre das überhaupt gegangen: aus diesem Hort der gepflegten TV-Gesundheit ein karnevalistisches Tollhaus zu machen? Das Thema des Abends sprach eindeutig dagegen: "See-ligenfeld Klinik Garitz - Am Garitzer Wesen mag Kissingen genesen". Konfliktvermeidung klingt anders.

Nico Sauer, der Chef, ist ja schon qua Tradition für die Politik zuständig, in diesem Jahr als "Der Schocktherapeut". Natürlich hatte er es bei seiner Tour d'horizon leicht, denn in den letzten zwölf Monaten gab es weltweit genügend Aufreger und Schockmomente, die ihn aus dem Vollen schöpfen ließen. Alleine schon Namen wie Trump, Scheuer, von der Leyen oder AKK, Stichwörter wie -Bepreisung oder Hasstiraden im Netz hätten genügt. Er schafft es immer wieder, die Ereignisse aus den parteipolitischen Niederungen herauszuholen auf die Ebene der politischen Moral, und deshalb fällt es immer beklemmend leicht, ihm zuzustimmen, auch wenn das Lachen manchmal dabei im Halse stecken bleibt: Angesichts der beklemmenden Wahlerfolge der AfD in den östlichen Bundesländern wachse im Westen das Verständnis für die Bezeichnung der ehemaligen innerdeutschen Grenze als "antifaschistischer Schutzwall". Jetzt sei er abgerissen und komme nicht wieder: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten."

Thomas Rüth jr. wurde ja schon mit vorauseilender Häme erwartet, stieg er doch als "Der OB Kay Blankenburg" in die Bütt. Und er zog ein ziemlich resigniertes Fazit der zurückliegenden zwölf Jahre. Kommunalpolitik als persönliche Zumutung: "Den Stadtrat wickel ich um den Finger, aber sonst hab ich nicht viel gemacht" war der Refrain. Allerdings: Die Vorgänger hätten auch nicht viel gemacht: "Warum ausgerechnet ich?" Aber immerhin wolle er den Kissingern über die Stadtratsliste erhalten bleiben. Es war ja fast ein bisschen Wehmut mit im Spiel. Eigentlich hätten die BTC-ler Kay Blankenburg an diesem Abend schon aus Dankbarkeit zum Ehrenmitglied ernennen müssen, denn er war zuverlässig immer gut für mehr als nur eine Pointe. Ob der Nachfolger, wer auch immer es sein wird, so breite Angriffsflächen bietet, wird man sehen müssen. Er hätte sich halt auch mal in einer der Elferratssitzungen blicken lassen sollen.

Steffi Wegmann als "Oberschwester Hildegard", sozusagen die Gabi Dohm der See-ligenfeld Klinik, lud zur Visite durch die Privatstation. Da lagen sie, die schweren Fälle: ein Kay Blankenburg, der vor lauter Verlierensangst seine Karriere beendet; ein Gerhard Schneider mit seinen Minderwertigkeitskomplexen, der nach Jahren als Befehlsempfänger des OB endlich seine eigenen sprudelnden Ideen verwirklichen will; ein gerade eingelieferter gewisser Dirk Vogel mit noch unbekannter Diagnose, der offenbar OB werden will; in einem Doppelzimmer ein Bernhard Schlereth und ein Michael Heppes, die an akutem Wechselfieber leiden; und ein Joachim Galuska, dessen unkontrollierbare Narzissmus-Schübe ihn glauben machen, ohne ihn habe Bad Kissingen keine Zukunft.

Ja, und natürlich der "Garitzer Sonderpatient" Andy Kaiser! Der hatte den blöden Fehler begangen, nach einem heißen Arbeitstag im Sommer nach Hause zu kommen und sich einzureden, dass die zeitgleiche Sitzung des Stadtrats bereits zu Ende sein musste. Er hatte sich mit einem Weißbier in den Swimmingpool gelegt und ein Foto davon gepostet. Das hatten natürlich auch die noch im Rathaus schwitzenden Kollegen bekommen. Der Shitstorm, der über ihn hereinbrach, reichte bis in die Elferratssitzung, und wirklich jeder musste ihn deshalb noch mal derblecken. Steffi Wegmann war die einzige, die ihn auch in Schutz nahm: "Was machen Stadträte während der Sitzungen mit ihren Smartphones?"

Benedikt Rüth war der graumelierte "Schönheitschirurg Prof. Dr. Mang": "Wer schön ist, hat von mir die Nase." Seine Diagnosen waren schonungslos, vor allem für den Stadtrat, der wegen Dauerschlaf und verlorener Widerrede an hängenden Augenlidern und Sprechstörungen leidet. Über Namen kam er zu den Problemfällen: vom Garitzer Kreisel über den Pseudospatenstich zur Sanierung der Dr.-Georg-Heim-Straße bis zu den Investitions- und Bauruinen. Die Therapiepläne behielt er als gewiefter Geschäftsmann natürlich für sich.

Die Aktionsgruppe des BTC hatte wieder zwei Akte vorbereitet: zunächst, für die Abteilung "Derberes", eine Szene im Wartezimmer des "Dr. See-lig, der Medikuss". Da wird ausgeteilt und krachend auf die Schenkel geklopft, da geht's gegen die Reiterswiesener und vor allem gegen die Kissinger, da wird der OB halb verröchelt hereingefahren - der sich allerdings sicherheitshalber selbst entlässt. Da ist viel blühende Phantasie im Spiel. Da merkt man, dass so manches ganz spontan aus der Laune des Augenblicks heraus in den Proben entstanden ist.

Das ganze Gegenteil war der zweite Teil, ein toller, minutiös geplanter und ausgeführter Mummenschanz: "Der BTC im See-lenwald": Da irrt der OB als Fliegenpilz auf Stelzen durch den finsteren Wald auf der Suche nach sich selbst: "Der Kay, das bin doch ich." Und es erscheinen ihm einige Schreckensbilder, allen voran der Galuska. Schon allein vom Ästhetischen her ein großer, bleibender Genuss!

Die BTC-Sänger um Christian Rüth fassten sich relativ kurz: Als "See-ligenfelder Yogahektiker" hatten sie nicht einmal Zeit gehabt, für jedes Lied eine eigene Melodie zu suchen. Zunächst traf es die OB-Kandidaten Gerhard Schneider ("Er muss nicht ins Rathaus rein, er ist schon drin") und Dirk Vogel ("In seinem Heimatort ist es des Vögleins größter Traum"). Nicht einmal um den AfD-Kandidaten Peter Eggen (Muss das auch noch sein?") machte die Gruppe einen Bogen. Es war nicht überraschend, dass der deutliche Hinweis: "Hier hat Populismus keinen Platz!" nicht alle Besucher zu Beifall hinriss.

Natürlich verabschiedeten sich auch die BTC-Sänger vom scheidenden Oberbürgermeister ("Ich hab so viel gemacht, dass ich mich nicht erinnern kann."). Und zwei Garitzer traf es dann auch noch: den Andy Kaiser natürlich und den Hubert Noppenberger, der beim Golfen in die Saale gefallen war.

Großes Vergnügen bereiteten einmal mehr die drei Garden des BTC, nicht nur wegen ihrer rhythmischen und akrobatischen Souveränität, die schon die Kleinsten der Minigarde andeuten und die in der großen Garde zur Perfektion geführt sind. Sondern auch, weil die Gruppen so gut vorbereitet sind, dass sie nie den Eindruck des Gezwungenen, der Anstrengung vermitteln, sondern dass ihnen ihr Tun trotz der Anforderungen großen Spaß macht. Und es zeigte sich einmal mehr: Qualität sichert den Nachwuchs. Eine feste Größe sind auch Alexander Wachsmann und sein Rotkreuzorchester, die immer wieder die Synthese aus unauffälliger Begleitung und mitreißender Musikalität finden.

Und zum Schluss natürlich wieder der "Göritzer Dreggsagg": Michl Müller als "Schnapsbrönner", der das Leben im Allgemeinen und die Politik im Besonderen mit dem Brennprozess von der Maische bis zur Bahre verglich, der von SUV-fahrenden Helikoptermüttern über OB-Kandidaten, die Granatengretl AKK bis zu den "Brunz-Bons" von "Sanifair" raste. Aber das war ja nur ein Teil. Der andere war genauso wichtig: die schon lange ritualisierte Liederstrecke, die das Garitzer Wir-Gefühl in den Himmel und die Besucher auf die Stühle und Tische treibt. "Das war wieder mal ein schöner Tag", sang die ganze Halle zum Schluss. Stimmt!

 

InFranken.de 10.02.2020/ Thomas Ahnert
Volltext unter https://www.infranken.de/regional/bad-kissingen/elferratssitzung-in-garitz;art211,4854834

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